Ein Digitalmentor im Interview: Norbert Schulz

Herr Schulz, Sie sind Digitalmentor - was ist das eigentlich?
Digitalmentor*innen sind ganz normale, neugierige Menschen mit etwas technischem Verständnis, die Fragen ratsuchender Nutzer*innen beantworten und ihnen weiterhelfen. Das Spektrum der Technikfragen reicht dabei schon sehr weit, aber für Digitalmentor*innen geht es im Wesentlichen zu Fragen um Notebooks, deren Betriebssystemen wie Windows oder MacOS und um den Umgang mit Smartphones. Anfang April 2021 habe ich vom Digital-Mentor-Programm gehört und mich zu einem Workshop angemeldet. Ich dachte, es wäre mal an der Zeit als Ehrenamtlicher etwas der Gemeinschaft zurückzugeben und dabei auch andere Leute zu treffen.

Waren Sie schon vorher an digitaler Technik interessiert?
Schon als Kind war ich von Technik fasziniert. Später habe ich Nachrichtentechnik studiert und als Mobilfunkingenieur gearbeitet. Allerdings bin ich kein Experte in einem besonderen Gebiet, sondern habe versucht breitbandig zu bleiben. Immer noch interessieren mich neue Techniken, auch wenn ich vieles von dem nicht einsetze, was es derzeit alles gibt. Ich habe keinen Instagram Account, kein Twitter - Facebook nutze ich nur ungern obwohl es dort eine Menge interessanter Gruppen gibt.

Wer wendet sich an Sie?
Jeder mit einer technischen Frage kann sich an uns wenden. Nachdem ich im Wesentlichen im Generationentreff meine Hilfe anbiete, waren bis jetzt die Ratsuchenden meist älter als 55 Jahre. Männer wie Frauen mit sehr unterschiedlichen Geräten und Know-how. Manche Leute haben ihren Laptop und Smartphone im täglichen Einsatz, haben Fragen wie Installationen oder Apps funktionieren - erstmal, ob sie diese Apps überhaupt anwenden können. Andere haben zum ersten Mal ein Smartphone in der Hand und wollen einfach nur telefonieren oder eine E-Mail versenden.

Erkennen Sie viel Respekt vor neuer Technik bei Ihren "Studenten"?
Viel zu viel Respekt und damit auch Angst etwas falsch zu machen. Das ist der grundlegende Unterschied zu Kindern: Angst und Neugier. Ein Kind ist immer sehr neugierig, es tippt und wischt auf einem Smartphone und freut an der Reaktion des Gerätes, egal was passiert. Da gibt es kein Abwägen - wenn es nicht funktioniert, fliegt es in die Ecke. Ein älterer Erwachsener jedoch hat ein Ziel, weiß manchmal nicht wie er dahin kommt, nähert sich dem Gerät sehr vorsichtig und versucht keine Fehler zu machen. Aber dadurch schränkt man sich ein und traut sich nicht mehr, mit dem Gerät herum zu probieren.

Ein erfahrenerer Digitalmentoren-Kollege erzählte mir, wenn er einen Kurs für Smartphones startet, dann wischt und tippt er blind auf dem Display, um den Leuten zu zeigen, dass nichts passieren kann. Man muss nur zum Hauptbildschirm zurückkommen. Damit nimmt er schon mal die Angst etwas „zu verstellen“.
Ein Teil der Ratsuchenden hat schon Erfahrung mit Smartphone oder Notebook, die wissen sich selbst zu helfen, wenn etwas schiefgeht. Da ist der Respekt vor dem Gerät schon wesentlich geringer. Und je weiter man sich vorwagt mit den Möglichkeiten der Software oder der Apps, desto eher kann es zu Problemen kommen. etwa mit der Passwortsicherung - seine Passwörter möchte man sicher aufbewahren, bei Bedarf aktualisieren und nie verlieren.

Wie gehen Sie damit um?
Um den Umgang mit dem Smartphone zu lernen, hilft nur spielen und probieren. Und dafür muss man wissen, wie man das Gerät wieder in den Grundzustand bekommt. Das heißt ich zeige wo der Startbildschirm ist und wie man dahin kommt, wenn man sich in den Apps verheddert hat. Außerdem ist es wichtig sich auf die wesentlichen Apps zu konzentrieren z.B. Telefon und Email, vielleicht auch ein Messenger wie Telegram oder Whatsapp. Idealerweise sind nur ein paar Icons auf dem Startbildschirm, alles andere lenkt nur ab.

Wir Digitalmentor*innen geben Rat und zeigen wie etwas funktioniert, aber wir nehmen keine Änderungen am Gerät vor. Der Anwender sollte selbst unnötige Programme oder Apps löschen, doch hier sind die Anwender sehr vorsichtig und lassen lieber alles wie es vorher war. Das gibt die scheinbare Sicherheit nichts falsch zu machen, aber es macht den Umgang mit dem Smartphone oder Laptop oft komplizierter.

Ganz ehrlich - wie kompliziert kann es als Digitalmentor werden?
Im Allgemeinen sind die Fragen recht einfach, meist geht es um die grundsätzliche Bedienung, wie man eine App einrichtet, eine E-Mail erstellt, eine WhatsApp-Nachricht schreibt, Bilder speichert und abruft - die einfachen Funktionen eben, die man immer braucht. Digitalmentoring ist nicht kompliziert, der Mentor beschäftigt sich mit einem Problem und versucht es zu lösen. Manchmal geht es einfach, manchmal muss man selbst im Internet nachsehen und manchmal kann man eine Frage eben auch nicht beantworten - aber wenigstens einen Tipp geben, wohin der Ratsuchende sich wenden kann.

Trotzdem sieht man manchmal den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr: Eine Dame wollte auf ihrem Smartphone die Corona Warnapp laden. Allerdings war der Speicher sehr voll, obwohl keine Videos, keine Bilder, keine Musik, keine unnötigen Apps gespeichert waren. Dann wurde die Corona Warn-App im Store gar nicht erst angeboten, was ungewöhnlich ist. Nach einiger Zeit wurde klar, dass das Smartphone zu alt war für die Corona-Warnapp und ein Update der Android-Version nicht möglich. Das hätte man auch gleich ganz zu Anfang überprüfen können.

Was war Ihre größte digitale Herausforderung? Und wie haben sie sie gelöst?
Interessanterweise sind die Fragen vom Männern und Frauen verschieden. Frauen möchten eher ihr Gerät besser verstehen, um etwa eine bestimmte App nutzen zu können oder mit der Enkelin per WhatsApp zu chatten.

Dagegen Männer haben oft ein Grundverständnis und wollen für eine konkrete Frage eine Lösung haben. Oder sie beschäftigen sich mit der Technik der Technik wegen. Einmal war ein Mann mit einem alten Smartphone, einem alten Notebook, einer SIM-Karte vom Discounter bei mir und wollte gerne mit dem Smartphone einen WLAN-Hotspot einrichten, damit er mit dem Notebook im Internet surfen konnte. Alles in allem haben die Geräte nicht zusammengepasst und ich habe aufgegeben. Vielleicht hätte ich durch längeres Suchen und recherchieren im Internet eine Möglichkeit gefunden, doch es war letztlich eine zu umständliche Konfiguration für eine einfache Anwendung.

Wo kann man Sie als Digitalmentor treffen?
Derzeit arbeiten die Digitalmentoren an vier Orten: im Quartier Eselsberg, im Bürgerhaus Mitte, im Generationentreff und in Böfingen. Ich selbst bin meist donnerstags von zehn bis elf im Generationentreff. Mit den anstehenden Corona Lockerungen werden auch wieder mehr Digitalmentor-Kollegen*innen verfügbar sein. Man muss übrigens nicht Mitglied im Generationentreff sein, um dieses Angebot annehmen zu können.

Haben Sie einen speziellen Tipp parat?
Um Freude und Nutzen mit den Smartphone/Laptop zu haben, sollte die Anwender*in möglichst alle „Bloatware“ entfernen, also Apps und Programme die man einfach nicht braucht. Oftmals gibt es gleich zwei oder drei Email-Apps von verschiedenen Anwendern auf dem Handy, letztlich reicht die eine, mit der man am besten klarkommt.

Als neuer User fängt man am besten mit den Standard-Apps an, wird damit immer sicherer und erweitert App für App die Nutzungsmöglichkeiten des Smartphones oder Laptops. Technik soll uns das Leben etwas erleichtern und nicht schwieriger machen. Und oft macht es Spaß etwas Neues zu lernen und anzuwenden. Da geht es uns Erwachsenen nicht anders als den Kindern.

Interview geführt von: Karl-Michael Dittrich