Nachberichterstattung zur Bürgerwerkstatt "CoronaApp"

In der „Zukunftsstadt Ulm“ spielen die Bürger auch in der Corona-Krise eine zentrale Rolle. Aus diesem Grund lud die Digitale Agenda nun erstmals zu einer Online-Bürgerwerkstatt ein. Mit Erfolg, denn 150 Teilnehmer beteiligten sich an dem Livestream zum Thema „Die CoronaApp – Echte Hilfe oder Datenkrake“ - und diskutierten kontrovers mit.

Gunter Czisch sah bei seiner Begrüßung die Krise nicht nur als Belastung, sondern erkennt auch Chancen: „Wir haben in Ulm durch die enge Verbindung von Wirtschaft, Wissenschaft und Stadtgesellschaft Stärken entwickelt, die heute wertvoller sind denn je. Dazu zählen auch das bürgerschaftliche Engagement und neue digitale Kommunikationsformen. Dies hilft auch der lokalen Politik, denn wir benötigen die Akzeptanz der Bevölkerung für die Dinge, die wir in der Krise tun müssen.“ Das Stadtoberhaupt weiß, dass man sich beim Einsatz von smarten Sicherheitstechniken stetig im Zwiespalt bewege - zwischen dem, was der Bevölkerung dient und dem Aspekt, dass man mitunter Eingriffe ins Grundrecht in Kauf nehmen muss: „Durch die Corona-Krise hat die Digitalisierung einen mächtigen Schub bekommen, dennoch müssen wir stets im Auge behalten, welche Ausprägungen richtig und welche kritisch zu betrachten sind.“

Eine neue Wirklichkeit

So sah das auch Sabine Meigel, die über die Bedeutung digitaler Technologien im Kontext der Zukunftsstadt Ulm sprach: „In den vergangenen Wochen hat für viele von uns eine Art Zwangsdigitalisierung stattgefunden. Vieles, was vor acht Wochen noch unvorstellbar war, ist plötzlich Realität geworden.“ Mit dem neuen Format der Online-Bürgerwerkstatt wollte die Leiterin der Geschäftsstelle Digitale Agenda der Stadt Ulm die Menschen informieren und dazu befähigen, selbst zu entscheiden, ob eine Corona-App sinnvoll ist.
„Wie können wir Corona und die Infektionswege besser verstehen?“ Über diese Frage klärte Univ. Prof. Dr. med. Dietrich Rothenbacher vom Institut für Epidemiologie und Medizinische Biometrie auf. Er machte unter anderem deutlich, dass auch Menschen, die selbst noch keine Symptome zeigen, Mitmenschen infizieren können: „Viele merken gar nicht, dass sie das Virus in sich tragen und können doch Überträger sein. Deshalb ist das frühzeitige Auffinden und die Isolation von Infizierten ein wichtiger Schlüsselbegriff in dieser Pandemie.“ Es ginge, so der Mediziner, schlicht um die Zielunterbrechung von Infektionsketten.
Deshalb lautete die zentrale Frage an dem Abend, der von Dr. Markus Marquard, Leiter des ZAWiW an der Uni Ulm moderiert wurde: Was kann eine Corona-App leisten, wie kann sie funktionieren und was muss beachtet werden? Darüber sprach Prof. Dr. Frank Kargl, Leiter des Instituts für Verteilte Systeme an der Universität Ulm: „Mit Contact Tracing kann man versuchen, die Infektionen aufzuhalten, die den eigentlichen Krankheitsausbrüchen immer vorauslaufen. Wenn die bisher manuell stattfindende Rückverfolgung von Infektionsketten durch eine App ersetzt werden, kann man zum Beispiel kostbare Zeit gewinnen. Langwierige Telefonate fallen weg.“ Zudem könne man Personal sparen, denn die Gesundheitsämter müssten für eine flächendeckende Nachvollziehung massiv aufstocken. Am Ende spare man damit auch Geld. Wichtig sei, so der Informatiker, dass man sich bei dieser technologischen Entwicklung nicht mehr auf die Erinnerung einer einzelnen Person verlassen müsse.

Dezentrale Lösungen bieten Vorteile

Für Dr. Frank Kargl hat die energiesparende Bluetooth LE-Technologie klare Pluspunkte gegenüber GPS und auch dem Mobilfunknetz, das bei Zielgenauigkeit und Datensicherheit eher schlecht abschneide. Doch auch Bluetooth könne keine genauen Distanzen zu anderen Personen messen: „Auch werden wir aus dem Signal nicht herauslesen können, ob der App-Besitzer einen Mundschutz getragen oder vor einer Glasscheibe gestanden hat. Egal, wie wir uns in diesem Bereich weiterentwickeln, bei der Risikoerfassung werden Fehler passieren.“ Stichwort Datenschutz. Frank Kargl erläuterte, dass aus den erfassten Bewegungen viele Informationen abgeleitet werden können. Da jedoch Datenschutz und Privatsphäre Grundrechte der Menschen seien, müsse strengstens auf Datensparsamkeit geachtet werden: „Die Ziele der App müssen mit so wenigen Daten wie möglich erreicht werden.“ Auch das Nutzen wechselnder Synonyme können eine Lösung bieten. So lasse zum Beispiel der Versand von abstrakten Zahlen keine Rückschlüsse auf die entsprechende Person zu: „Zudem haben dezentrale Lösungen den Vorteil, dass die Informationen nicht auf einem Server abgelegt sind, sondern ausschließlich auf den Smartphones der jeweiligen Nutzer.“
Für Dr. Frank Kargl ist klar, dass eine breite Bevölkerung mitspielen muss, damit die App sinnvoll eingesetzt werden könne: „Doch das wird sie nur machen, wenn das nötige Vertrauen in die Technologie vorhanden ist. Deshalb sind Transparenz und Offenheit zwei wichtige Faktoren. Sein Fazit: „Ich denke, dass eine Corona-App ein möglicher Baustein sein kann, der uns hilft, das Virus einzudämmen. Doch alle Probleme wird sie nicht lösen.“ Diese Ansicht teilte auch Oberbürgermeister Gunter Czisch zum Schluss der Veranstaltung. Für ihn ist die App in der politischen Diskussion überzeichnet: „Sie kann ein Hilfsmittel sein. Mehr nicht. Denn auch in der IT gibt es keine Wunderwaffen.“

Die Details zur vergangenen Veranstaltung können Sie auch nochmal hier nachlesen.