Wie viel Agenda 2030 steckt in der Zukunftsstadt 2030?

Niemanden zurücklassen (leave no one behind) – das ist das Motto der Agenda 2030, die 2015 auf der UN-Entwicklungskonferenz in Paris verabschiedet wurde. Mit diesem Leitgedanken hat sich Europa und auch Ulm mit fünf Kernbotschaften auf den Weg gemacht: Menschen, Planet, Wohlstand, Frieden inklusive Menschenrechte und Menschenwürde sowie Partnerschaften. Konkreter wird die Agenda in den 17 Zielen für Nachhaltige Entwicklung (SDGs). Es geht neben der Armutsbekämpfung auch um Klimaschutz, Ressourcenzugang und vieles mehr. Sie gelten unabhängig des Lebensraumes und für alle Menschen gleichermaßen. Besonders auf Ebene der Stadt kann jede Bürgerin und jeder Bürger auf der Plattform www.sdg-portal.de den Fortschritt der jeweiligen Kommune betrachten. Je nachdem, ob eine Stadt sich diesen Themen widmet, sind dann die jeweiligen Ziele bewertet oder nicht. Grundlage für eine solche Berechnung ist zum Beispiel die Anzahl gemeldeter PKWs je 1.000 Einwohner*innen. Das Portal zeigt auch einen deutschlandweiten Städtevergleich. Ein weiteres Bewertungsinstrument in Bezug auf die Digitalisierung in Kommunen bietet der Index „Digitale Kommune“. Er wird über 16 Variablen bestimmt. Mit ihm lässt sich dann u. a. erkennen, wie stark die eigene Stadt in Bezug auf Digitalisierung und Nachhaltigkeit aufgestellt ist. So eine Variable kann beispielsweise eine Digitale Agenda innerhalb einer Verwaltung sein. Oder eine Digitalstrategie sowie eine nachhaltige Stadtentwicklung in Verbindung mit der Digitalen Agenda. Je nach erfüllten Kriterien schneidet eine Kommune besser oder schlechter ab. Hier, so Petra Schmitz, Leiterin der Lokalen Agenda, steht Ulm bereits gut da. Es gibt außerdem schon best practice Modelle aus Ulm, wie die digitale Zukunftsarbeit im Verschwörhaus oder das Internet der Dinge (IoT). Sie mit Leben zu füllen bzw. nachhaltig zu platzieren in der Stadt, ist Aufgabe der gesamten Stadtgesellschaft, so Schmitz. Dabei unterstützen u. a. große Projekte wie Zukunftsstadt 2030, Smart City oder Zukunftskommune@bw. Alles Landes- und Bundesförderungen, die sich mit den Themen Digitalisierung und Nachhaltigkeit beschäftigen. Seit mehr als acht Jahren setzt Ulm im Rahmen dieser Förderprojekte eigene Schwerpunkte und gestaltet so die digitale Zukunft mit.

Bei der Betrachtung der SDGs in Ulm betonte Sabrina Richter, Projektleiterin des Projektes Zukunftsstadt 2030, in ihrem Beitrag die Ziele 9 (Ressourcenschonende, intelligente Technologien), 11 (Nachhaltige Städte und Gemeinden) und 13 (Abwehr des Klimawandels). Richter wies in Ziel 9 auf das energiesparende LoRaWAN in Ulm hin. Mit dieser Funktechnologie lassen sich kosten- und energiegünstige Daten versenden, die wiederum stadtweit von allen Bürger*innen genutzt werden können. Mithilfe von nachhaltigen Fahrrad-Mobilitäts-Maßnahmen wie ein von der THU entwickeltes sensorgestütztes Community Bike Sharing oder Sharing-Angeboten wie einer Mobilitätsstation am Eselsberg fördert Ulm alternative Fortbewegungsmittel im Ziel 11. Bei all den Angeboten gilt der Grundsatz: Nicht alle müssen alles besitzen. Die Fähigkeiten eines Einzelnen für ein gutes Ergebnis für alle einzusetzen, ist das Ziel. Diese und weitere Maßnahmen aus dem Projekt Zukunftsstadt wirken sich direkt oder indirekt auf den Kampf gegen den Klimawandel aus. Denn Klimaschutz, so Richter, hat in Ulm eine sehr hohe Priorität.

Dem Ziel 3 (Gesundheit und Wohlergehen) widmet sich unter anderem die AGAPLESION Bethesda Klinik in Ulm. Hier wurde eine Musterwohnung mit (digitalen) Alltagshelfern als Präsentationsraum für alle Interessierten in und um Ulm eingerichtet. Die Alltagshelfer sollen den Menschen möglichst lange ein selbstbestimmtes Leben in den eigenen vier Wänden ermöglichen.

Ein weiteres wichtiges Anliegen ist die Verringerung von Ungleichheit (Ziel 10). Diesem Thema widmet sich im Projekt Zukunftsstadt insbesondere der Bereich Bildung. Theresa Kocher vom ZAWiW der Universität Ulm nennt als Ziel die Überwindung des Digital Divide, also einer digitalen Spaltung der Gesellschaft. So stellt sich einerseits die Frage nach dem Vorhandensein eines Internetanschlusses, aber andererseits auch nach den Kompetenzen, technische Geräte zu nutzen und die damit verbundenen Teilhabechancen. Weitere konkrete Bildungsangebote gibt es auch an der Ulmer Volkshochschule (vh Ulm), die an diesem Abend von Dr. Markus Stadtrecher auf dem Podium vertreten wird. Zentral sind die Fragen Wie schaffen wir Zugang zu Wissen mithilfe von digitalen Möglichkeiten? und Wie vermitteln wir digitale Fähigkeiten und Wissen über die Digitalisierung?. Die erste Frage löst die vh Ulm beispielsweise mithilfe von Kursen zum Umgang mit Onlineinstrumenten wie Zoom. Ein anderes Beispiel dafür ist das Projekt der Digitalmentor*innen, über das Theresa Kocher berichtet. Ehrenamtliche bieten dafür Sprechstunden in mehreren Ulmer Quartieren an und beraten dort kostenlos andere Menschen bei Fragen rund um Smartphone, Tablet & Co. Mit Blick auf die zweite Frage geht es dem Bereich Bildung in der Zukunftsstadt insbesondere darum, Teilnehmende dafür zu sensibilisieren, dass Digitalisierung ein politisch gestaltbares Phänomen ist und sie zu qualifizieren, sich an diesem Diskurs beteiligen zu können – „Digitalisierung von unten“ lautet das Motto in Ulm.

Die Vortragenden weisen jedoch auch auf mögliche Zielkonflikte hin, wenn es um die Umsetzung verschiedener SDGs geht. Ein einfaches Beispiel: So kann die inklusive Wirkung digitaler Formate Ungleichheit reduzieren, da mehr Menschen teilhaben können (SDG 10) und zugleich wird durch die bequeme Teilnahme von zu Hause aus Alltagsbewegung reduziert. Dadurch entsteht potentiell ein Konflikt zu SDG 3 (Gesundheit). Es gilt also häufig, dass unterschiedliche Ziele gegeneinander abgewogen, diskutiert und anschließend priorisiert werden müssen.

In der anschließenden Diskussion mit dem Publikum unterstreicht Theresa Kocher, dass Digitalisierung und ökologische Nachhaltigkeit kein Widerspruch sein müssen und verweist dabei unter anderem auf die Überlegungen im Buch Smarte grüne Welt? von Steffen Lange und Tilman Santarius, der im letzten Jahr bei der Bürgerwerkstatt zu Gast war. Dies macht deutlich, so Markus Stadtrecher, warum heute nicht nur über ökologische, sondern auch viel über soziale Nachhaltigkeit gesprochen wurde: Nur die Bürger*innen, die an Digitalisierung teilhaben, können wir in die smarte grüne Welt mitnehmen.

Insgesamt – und hier bestand Einigkeit auf dem Podium – konnte diese Veranstaltung natürlich nicht alle Fragen beantworten und wollte vielmehr zeigen, wie untrennbar die Ziele für Nachhaltige Entwicklung einerseits miteinander verbunden sind und welche möglichen Konflikte sich genau dadurch auch ergeben. Die Diskussion und die kritische Begleitung dieses Prozesses in Ulm durch die Bürger*innen muss also weitergehen. Daher sind alle Interessierten zu den weiteren Veranstaltungen und besonders zur Bürgerwerkstatt am 25. Juni in der vh Ulm eingeladen.

 

Das Projekt "Zukunftsstadt2030 - Internet der Dinge für ALLE" wird mit Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung im Förderschwerpunkt Sozial-ökologische Forschung gefördert.